Gedanken am 30. Juni

Einmal kehrten meine Frau und ich nach einem langen
Arbeitstag in einer fremden Stadt in unser Hotelzimmer
zurück. Wir hatten noch zwei Wochen dieses »Lebens aus
dem Koffer« vor uns, und mein Ich fing an, sich in Selbstmitleid
zu suhlen. »Ach, ich Armer! Ich muß so hart arbeiten!«
Dann hielt ich aber inne und vergegenwärtigte mir, was ich
alles hatte: ein warmes, behagliches Zimmer, eine sinnvolle
Beschäftigung, eine gesunde Familie, einen vollen Magen
und die Frau, mit der ich seit über 10 Jahren zusammenlebte,
neben mir im Bett. Ich sah ihr in die Augen und
verspürte eine tiefe Dankbarkeit für die schlichte Tatsache,
daß wir zusammen waren, weil mir mit einem Male die
Unbeständigkeit aller Dinge bewußt geworden war und ich
mich daran erinnert hatte, daß unweigerlich der Tag kommen
würde, an dem wir uns an der Pforte des Todes würden
trennen müssen.
Tempelarbeit
Göttliche Mutter, ich bin so dankbar für die vielen Geschenke
des Lebens, insbesondere für das Geschenk, Familienangehörige
und Freunde heben und umsorgen zu können,
das ich bisweilen für selbstverständlich nehme. Lasse
mich die Zeit, die wir zusammen verbringen dürfen, bewußt
genießen, und lasse mich stets der Unbeständigkeit des Lebens
eingedenk sein und unseres Glücks, jetzt Zusammensein
zu können.
Das nächstemal, wenn du einen geliebten Menschen oder einen
guten Freund triffst, probiere diese »achtsame Umarmung«, die
ich vom vietnamesischen buddhistischen Mönch und Meditations-
meisten Thich Nhät Hanh gelernt habe, aus. Schließe die betreffende
Person in die Arme und denke beim ersten Einatmen: »Ich
liebe dich«, und beim Ausatmen: »Ich bin so froh, hier mit dir
zusammenzusein.« Beim nächsten Einatmen: »Ich bin wirklich
glücklich, daß es dich gibt«, und beim nächsten Ausatmen: »Da ich
weiß, daß wir uns eines Tages werden trennen müssen.«

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